Oberhafenkantine am Rand der HafenCity

 

„En beten scheef hett Gott leef!”

 

Das plattdeutsche Sprichwort wurde garantiert für die Oberhafen-Kantine erfunden.

Das Haus liegt wie auf Riff gelaufen am Kanal unter der Bahnbrücke. Die Mauern sind zerrissen und die Wände schief wie'n „Schipper sien Been“.

 

Durch Zufall hatte ich von der Existenz der alten Oberhafen-Kantine am Rande der Hamburger HafenCity gehört und mich gewundert, ihr auf meinen Streifzügen mit der Kamera durch diesen Stadtteil noch nicht begegnet zu sein.

 

Da das Ganze aber als höchst urig beschrieben wurde, die Oberhafen-Kantine erstens schon immer Kultcharakter gehabt haben soll und zweitens durch den Bau der neuen Brücke, noch windschiefer aussehen würde als vorher schon, witterte ich ein interessantes Fotomotiv und machte mich bei nächster Gelegenheit auf den Weg. Nachdem mein Navigationsgerät auf dem neu erschlossenen Gelände längst aufgegeben hatte, fand ich sie dann schließlich doch am Ende einer scheinbar ins Nichts führenden Straße.

 

Das kleine, zweigeschossige Restaurant mit Aussenklo klebt dort krumm und geduckt unter einer Eisenbahntrasse. Drinnen ist kein Winkel gerade und sogar die Lampen hängen schief von der Decke. Glaubt man einigen Restaurantkritikern, soll auch der Charme des Servicepersonals mitunter recht schräg sein.

 

Na, immerhin hat diese Lokalität ja auch schon einige Jährchen auf dem Buckel, nämlich über 85 Jahre, und ist Hamburgs letzte echte „Kaffeeklappe“. Für die dort arbeitende Bevölkerung wurde sie 1925 an der Oberhafenbrücke / Ecke Stockmeyerstraße gebaut - Hamburgs erster Spar-Laden, wie meine Recherchen ergaben - denn Bauherr war der Kantinenwirt Hermann Spar. Sie verpflegte ihren Kundenkreis zwischen den kurzen Arbeitspausen schnell mal mit einem Pott Kaffee und einem belegten Brot.

 

Kantinen und Kaffeeklappen gehörten früher zum Bild des Hafens wie die Kräne und Kaianlagen. Mittlerweile sind diese Versorgungseinrichtungen verschwunden. Nur die Oberhafen-Kantine hat die Zeit überstanden und gehört heute zu den wenigen außen und innen original erhaltenen Kleinbauten aus den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

 

Das Gebäude steht - seinem hohen Alter entsprechend - leicht nach vorne gebeugt und hat es dadurch in sich. Durch die leichte Schräglage fällt dem Gast beim Reingehen die Kantinentür entgegen, während das Rausgehen mit einem unerwarteten Drall erfolgt; selbst für diejenigen, die nur einen Tee getrunken und keinen im selben haben.

 

Ende April 2006 hatte die Mutter von Fernseh-Starkoch Tim Mälzer ihr Herz für dieses Juwel entdeckt und die Oberhafenkantine urig alt und dennoch up to date wieder eröffnet. Doch eine Sturmflut setzte alles unter Wasser. Zum Glück wurde sie unter einem neuen Pächter erneut wiederbelebt. Herzlichen Glückwunsch!

 

Ich konnte nicht anders – ich mag diese urige Hausmannskost im skurrilen Umfeld - und gönnte mir eine „Grobe Bratwurst nach Hausrezept mit Bratkartoffeln“ und zum Nachtisch ein „Verschleiertes Bauernmädchen“ (geschichtetes Dessert bestehend aus Pumpernickel mit Schokostückchen, Apfelkompott, Grütze und Sahnehaube in einem kleinen Tonbecher serviert).

 

Ich kann diese typische Hamburger Perle, die garantiert nicht jeder Hamburger kennt, bestens empfehlen. Nur eines sollte man nicht sein: Allzu steif und zimperlich! Die Bedienung erwies sich übrigens als ausgesprochen freundlich und um den Gast bemüht - also gar nicht schräg.

 

Reiner V.

 


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